Friday Flirt Fail #01

Das Dessertlose Date

Letzte Woche haben wir euch nach euren lustigsten, peinlichsten und vielleicht auch leicht verstörenden Date-Momenten gefragt. Und ihr habt geliefert. Heute gibt’s die erste Geschichte. Wobei „Geschichte“ fast ein bisschen untertrieben ist. Unsere anonyme Verfasserin hat ihr Date nämlich fein säuberlich in vier Akte verpackt.

Es liest sich wie ein kleines Buch. Nur dass man sich ungefähr ab Akt 3 denkt: Bitte sag uns, dass du einfach aufstehst und gehst. Ob sie das tut? Lest selbst.

Vorhang auf für den ersten Friday Flirt Fail.

  1. Akt

Nun ist dem nicht so, dass ich ein besonders ausgeprägtes Verlangen nach dem Schließen neuer Freundschaften, für mich verbuche. Eher das Gegenteil ist der Fall. Ich bin sehr gut ausgestattet, was Wegbegleiter anbelangt – demnach ist es für mich weder selbstverständlich noch unbedingt notwendig, fremde Menschen in mein Leben zu lassen, geschweige denn, mit ebendiesen Freundschaften zu schließen. Auf der anderen Seite ist es auch für andere durchaus schwierig, mich wirklich kennen und ergo, mögen zu lernen. Verlasse ich meine heiligen Hallen ähnle ich eher einem Stinkstiefel als einer Göttin, in deren Glanz man sich gerne sonnt. Es kann durchaus vorkommen, dass ich in der Nähe mir unbekannter Bevölkerungsteilnehmer, nicht nur gelangweilt wirke, sondern es auch unglaublich schnell, wirklich bin. Auf der anderen Seite würde ich es aber durchaus in Betracht ziehen, mich wieder einmal zu verlieben, schon nur deshalb, weil ich mich selbst so mag, wenn mir dieses Gefühl innewohnt. Und zack – schon wieder eines der zahlreichen Dilemmas, welche sich in meinem Leben die Klinke in die Hand drücken, wie junge Ministranten in den privaten Gemächern des Vatikans. Meine Freunde können durchaus mit denen des zugekifften Joe Cockers in Woodstock mithalten. Durch deren zwangsmotivierenden Zuspruch und den teils komplett widersprüchlichen Rat-Schlägen ging ich in die Knie. Ich hatte ein Date.

Bin ich eigentlich so gar nicht der nervöse Typ, änderte die Tatsache, dass ich mich mit einem wildfremden Typen treffen würde, mein Gemüt. So richtig nervenaufreibend wurde die Gesamtsituation zwei Stunden vor dem vermeintlichen Date. Ich fühlte mich, wie vor einem Fallschirmsprung, war mir aber schon von vornherein ziemlich sicher, dass dieser Akt eher nicht mit einem Endorphin-Schub enden würde. Was sollte ich anziehen? Müsste ich mich schminken? Was, um Himmels Willen sollte ich mit dem Typen reden? Was erzähle ich ihm von mir? Was wenn alles Scheiße läuft? Was, wenn er mich langweilig findet, oder schlimmer noch, was, wenn ich ihn langweilig finde?

Während ich mich in die bereits dritte Jeans zwängte, stellte ich einigermaßen schockiert fest, dass ich komplett keinen Schimmer habe, wie man flirtet. Ich hatte das volle Repertoire schon mal drauf, dies begab sich aber zu der Zeit, als Dinosaurier... Ach, lassen wir das! Mittlerweile ähnelt mein „erotischer Augenaufschlag“ eher einem genervten Augenrollen oder einem sich anbahnenden Schlaganfall. Ich spielte mehrmals mit dem Gedanken, einfach abzusagen.

  1. Akt

Natürlich komme ich die klassische akademische Viertelstunde zu spät, das Lokal völlig verwaist; ich erhasche ein älteres Ehepaar, das sichtlich Schwierigkeiten mit dem Hochhalten der Speisekarte hat, die der Größe und Schwere eines Diercke Atlas entspricht. Die Musikboxen des Lokals stimmten einen irischen, viel zu melancholischen Song an, aber was erwartet man sich auch anderes vom Liedgut eines von verfaulten Kartoffeln dahingerafften, Volkes? Ja, er ist auch schon da und lächelt mir recht freundlich entgegen. Was für ein Glück. Keiner dieser ignoranten Yuppie - Hipster – Typen, die es hinkriegen sich nicht im Ansatz zu schämen, das zweite Gingerbeer in sich hineinzugurgeln, während das Gürkchen ihres mit Guacamole bestrichenen Eiweiß- Lachsbrötchens in ihren gewachsten Bärten hängt, wie ein Tenebrio molitor am bereits seit Monaten verfallenen Mehlsack.

Er gefällt mir. Eigentlich. Während ich etwas angespannt am Hugo – Strohhalm nage, und insgeheim auf eine rasche Wirkung des Alkohols warte, der ja bekanntlich locker macht, erzählt er mir von seinem superstressy Job und seinen drei nahezu fürchterlichen Pubertieren. Wir bestellen aus der Karte. Ich trinke Bier, er Rotwein. Er erkundigte sich nach meinem Tag; nun, was sollte ich dazu sagen? Ich hatte heute Morgen verpennt, bin wie eine Irre im Schweinsgalopp zum Zug, der spontan beschloss, nicht zu fahren; war dann 9 Stunden mehr als genug beschäftigt und bin im Anschluss mit demselben Affenzahn nach Hause, wo mich eine Panikattacke nach der anderen heimsuchte, weil ich eben nicht wusste was mich heute abend erwarten würde. Ich war mir ziemlich sicher, dass er mit meiner ehrlichen Antwort überfordert wäre und da ich recht gut im Geschichten erfinden bin, erzählte ich ihm eine.

  1. Akt

Noch während der Hauptspeise erfuhr ich dann (logisch ungefragt) auch alles über dieses unglaublich hinterhältige, raffgierige, sadistische und krankhaft eifersüchtige Biest von seiner Exfrau und während ich (heimlich) meinen Hosenknopf öffne, da ich zu platzen drohe, stellt er mir eine Frage. Da mir sein Monolog über die Mutter seiner Kinder unglaublich auf den Sack ging und meine Aufmerksamkeitsspanne schon vor einer halben Stunde drastisch sank, verstand ich nur am ansteigenden Tonfall am Ende des Satzes, dass es sich um eine Frage handeln musste. „Wie bitte?“ „Ach, warum ich keine Kinder habe?“

Immer wieder muss ich mich doch wundern, wie es Menschen, zwar wagen, mich nach dem Grund meiner Kinderlosigkeit zu fragen, auf meine Gegenfrage aber, warum sie denn überhaupt Kinder hätten, verstört wirken und hysterisch verschnupft durch die Nasenlöcher schnauben. Aber bevor ich mit der geplanten Gegenfrage loslegen konnte, kam mir der Zufall als nahezu perfektes Ablenkungsmanöver zu Hilfe geeilt.

Der junge Kellner, der sich just in diesem Moment die Weinflasche krallte, um meinem Gegenüber Wein nachzuschenken, zuckte kurz zusammen. Dabei landete der eine oder andere Tropfen auf dem blütenweißen Hemd meines Dates und ich beobachte fasziniert, wie der edle Stoff die Flüssigkeit aufsaugte und die Flecken dabei immer größer wurden. Was dann folgte, ist selbst für mich, etwas schwierig zu beschreiben.

  1. Akt

Irgendwann bin ich einfach aufgestanden, habe mich bei dem netten älteren Ehepaar, welche in den Muscheln nach einem versteckten Schatz zu suchen schienen, verabschiedet und bin gegangen. Mein Date brüllte immer noch mit hochrotem Schädel, beklagte dabei sein sauteures Hugo Boss - Hemd und auch der Versuch des Kellners ihm Salz auf die Flecken zu streuen, (was mich sehr an eine Filmszene Loriots erinnerte) stimmte ihn keineswegs milder. Ganz im Gegenteil. (Unter uns, ich glaube er hat erst beim Bezahlen der Rechnung gemerkt, dass ich bereits gegangen bin.) Und ich muss sogar jetzt noch lachen. Das Date entpuppte sich doch noch als humorvoll; wenn auch etwas spät. Aber immerhin. Schad nur, um die versäumte Mousse au Chocolat.

Unser ungefragtes Fazit

Wir fassen zusammen: Sie kommt 15 Minuten zu spät. Er hat drei Kinder, eine laut eigener Aussage komplett gestörte Exfrau und ein Hugo-Boss-Hemd. Der Kellner hat Rotwein. Manchmal regelt das Universum Dinge selbst.

Denn wer beim ersten Date noch vor dem Dessert die Exfrau zerlegt und wegen drei Tropfen Rotwein einen Tobsuchtsanfall bekommt, braucht keine neue Partnerin. Der braucht Fleckensalz.

Unser persönlicher Held ist deshalb ganz klar der Kellner. Einmal kurz gezuckt und einer fremden Frau vermutlich mehrere Monate Kennenlernphase erspart. Einziger Kollateralschaden: die Mousse au Chocolat.