Die Deutschen dichter, als im Flieger

Der 17. deutsche Bundesstaat liegt im Mittelmeer

Es gibt Orte auf dieser Welt, die versteht man erst, wenn man dort war. Rom. New York. Lourdes. Und dann gibt es den Ballermann. Der Ballermann ist kein Urlaubsort. Der Ballermann ist ein Zustand. Ein Paralleluniversum mit Sand zwischen den Zehen, Promille im WLAN und einer kulturellen Eigenlogik, die wahrscheinlich nur mit drei Maß Bier, zwei Adiletten und einem „Cordula Grün“ auf 118 Dezibel vollständig entschlüsselt werden kann. Wir waren dort. Am Ballermann. Auf Mallorca. Oder besser gesagt: in Deutschland. Nur halt mit Palmen.

Denn wer glaubt, Mallorca sei Spanien, war offensichtlich noch nie zwischen Megapark, Bierkönig und Schinkenstraße unterwegs. Dort spricht man Deutsch, singt Deutsch, bestellt Deutsch, schreit Deutsch und trägt dazu weiße Tennissocken in offenen Badeschuhen, als hätte die Modepolizei längst kapituliert und wäre selbst im Sangria- Eimer ertrunken.

Die größte Frage: Was bringt den Deutschen auf diese Insel?

Man könnte jetzt soziologisch werden. Man könnte über Sehnsucht sprechen. Über Sonne. Freiheit. Flucht aus dem Alltag. Über die deutsche Seele, die elf Monate im Jahr brav arbeitet, Formulare ausfüllt, Müll trennt und beim Zebrastreifen anhält, nur um dann im zwölften Monat auf Mallorca völlig loszulassen und zu rufen: „MALLE IST NUR EINMAL IM JAHR!“ Was natürlich nicht stimmt. Für manche ist Malle nämlich öfter als Weihnachten, Ostern und Steuererklärung zusammen. Der Deutsche kommt nach Mallorca, weil er dort endlich das sein darf, was er daheim nicht sein soll: laut, frei, schwitzend, singend, rot im Gesicht und glücklich wie ein Kind, das gerade entdeckt hat, dass Frühstück auch flüssig sein kann. Und ehrlich: Ein bisschen bewundern muss man es ja. Diese Konsequenz. Diese Hingabe. Diese bedingungslose Bereitschaft, bei 34 Grad im Schatten ein Weihnachtslied mitzusingen, während irgendwo jemand mit nacktem Oberkörper versucht, einen Bierkrug zu umarmen. Im Sommer Weihnachtslieder?Am Ballermann stört das niemanden. Dort ist jeder Tag Heiligabend, wenn der DJ es sagt.

Und was verleitet den Südtiroler dorthin?

Jetzt wird es heikel. Denn der Südtiroler tut ja gerne so, als wäre er kultivierter. Ein Glas Lagrein, ein Teller Schlutzkrapfen, etwas Understatement, ein bisschen Bergluft, und natürlich der Satz: „Also i brauch des nit.“ Und dann steht er plötzlich in der Schinkenstraße. Mit Sonnenbrille. Mit Weißwein-Schorle. Mit einem Freund, der „nur kurz schauen“ wollte. Und drei Stunden später singt derselbe Südtiroler „Dicht im Flieger“ mit einer Textsicherheit, die er bei der Landeshymne niemals erreichen würde. Warum? Weil auch der Südtiroler manchmal raus muss aus der kontrollierten Gemütlichkeit. Raus aus dem Baustellenstress, den Hotelangeboten, den Gemeinderatssitzungen, den WhatsApp-Gruppen, den „kurz eine Frage“-Anrufen und dem ewigen „mia miassn no schnell“. Am Ballermann muss niemand schnell. Dort muss man nur laut. Der Südtiroler fährt also nicht nach Mallorca, weil er Ballermann braucht. Er fährt hin, um sich selbst zu beweisen, dass er ihn nicht braucht. Und bleibt dann trotzdem bis drei Uhr morgens.

Megapark: Die Kathedrale der kontrollierten Eskalation

Der Megapark ist nicht einfach ein Lokal. Der Megapark ist ein liturgischer Raum. Andere gehen in die Kirche, um Erlösung zu finden. Am Ballermann geht man in den Megapark, um Lorenz Büffel zu finden. Dort stehen sie dann alle: Menschen aus allen Schichten, Altersgruppen und Einkommensteuerklassen. Vorne der 19-jährige Abi-Absolvent, hinten der 54-jährige Unternehmer, der offiziell „wegen eines Lieferantentermins“ auf der Insel ist. Dazwischen ein Bauträger, ein Rechtsberater, drei Hoteliere, ein Kryptoexperte mit Sonnenbrille im Innenbereich, ein Techunternehmer, der „eigentlich nur beobachtet“, und irgendwo ganz hinten: ein Notar. Am Ballermann trifft man nicht nur Junggesellenabschiede mit bedruckten T-Shirts. Man trifft Rang und Namen. Man trifft Inhaber großer Baufirmen, Bauträger, Hoteliers, Rechtsberater, Techunternehmer, Kryptoexperten und Menschen, die daheim so seriös auftreten, dass sogar ihr Kugelschreiber eingeschüchtert ist. Dort stehen sie dann mit einem Plastikbecher in der Hand und nicken zu Mickie Krause, als wäre das ein Fachvortrag über steueroptimierte Immobilienstrukturen. Und vielleicht ist genau das der Zauber:

Am Ballermann sind alle gleich. Der Maurer, der Millionär, der Notar, der Influencer, der Hotelier und der Mann, der seit 11 Uhr Vormittag versucht, seine Sonnencreme zu öffnen. In Mailand würde man dafür verhaftet. In Paris ausgelacht. In Meran dezent angeschaut. Am Ballermann bekommt man damit Einlass in die Gesellschaft.

Ist Mallorca noch Spanien?

Offiziell: ja. Emotional: schwierig. Akustisch: nein. Der Kellner sagt „Hola“, der Gast antwortet „Zwei Bier bitte“, der DJ spielt „Last Christmas“ im Juni und irgendwo schreit jemand „Atemlos“, obwohl niemand mehr atmen kann. Das ist kein Urlaub. Das ist ein Feldversuch.

Was bleibt?

Man kommt vom Ballermann zurück und ist verändert. Nicht unbedingt besser. Aber ehrlicher. Man hat Dinge gesehen. Man hat Dinge gehört. Man hat eventuell Dinge mitgesungen, die man im normalen Leben als kulturellen Notfall einstufen würde. Man ist angekommen. Nicht im Urlaub. Sondern am Ballermann.