Sie haben das Maul voll

Klebekühe gesichtet

Was ist denn jetzt schon wieder am Brenner los? Stau ist dort im August grundsätzlich ungefähr so überraschend wie asiatische Touristen auf der Seceda mit 5 Kameras in der Hand. Doch vergangene Woche hatte die Verzögerung einen anderen Grund: 13 Kühe standen plötzlich auf der Brennerautobahn bei Patsch. Die Autobahn musste kurzzeitig gesperrt werden. Verletzt wurde zum Glück niemand. Offiziell waren die Tiere ihrem Bauern beim Wechsel auf eine andere Weide entwischt und über eine Baustelle auf die Autobahn gelangt. Offiziell. Denn wir haben uns die Bilder natürlich genauer angesehen und kommen zu einem völlig anderen Ergebnis: Das war keine Flucht. Das war eine Demonstration.

Die Klebekühe sind da

Jahrelang haben sie zugesehen. Wohnmobile. SUVs. Reisebusse. Motorräder. Jeden Sommer dasselbe Spiel. Millionen Menschen fahren über den Brenner Richtung Süden und wieder zurück. Irgendwann war offenbar auch für die Tiroler Kuh Schluss. Also wurde gehandelt. Keine Transparente. Keine Warnwesten. Kein Sekundenkleber. Einfach 600 Kilo Lebendgewicht auf die Fahrbahn stellen. Effektiver kann man eine Straße eigentlich kaum blockieren.

Damit erreicht die Protestbewegung eine völlig neue Eskalationsstufe. Nach den Klimaklebern kommen jetzt die Klebekühe. Wobei das mit dem Kleben bei ihnen eigentlich gar nicht notwendig ist. Versuch einmal, eine Kuh gegen ihren Willen von der Straße zu bewegen. Das dürfte fast schwieriger sein, als jemanden mit UHU-vollgepappten Händen vom Asphalt zu bekommen.

Maul voll vom Overtourismus

Über die konkreten Forderungen der Demonstrantinnen ist bislang wenig bekannt. Interviewanfragen wurden bislang konsequent abgelehnt.

Wir vermu(h)ten allerdings: Massentourismus reduzieren, weniger Verkehr über den Brenner und endlich wieder in Ruhe grasen können, ohne dass im Hintergrund alle sieben Sekunden ein deutscher Camper vorbeifährt.

Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können. Rund um Ferragosto wurde auf der Brennerroute ohnehin vor massivem Reiseverkehr gewarnt; für das Wochenende vom 15. und 16. August galt auf der A22 sogar die höchste Verkehrsstufe.

Ein bisschen Alpenfeeling für alle

Vielleicht haben wir die Aktion aber auch komplett falsch verstanden. Vielleicht wollten die Kühe den Gästen einfach schon auf der Brennerautobahn das volle Alpenfeeling bieten. Wenn man ohnehin stundenlang im Stau steht, kann wenigstens noch eine Kuh am Autofenster vorbeischauen. Fehlt eigentlich nur noch jemand mit Ziehharmonika und ein Speckbrettl auf der Motorhaube.

Vielleicht wäre der Brenner-Stau dann auch nur noch halb so schlimm. Andere zahlen schließlich extra für Urlaub auf dem Bauernhof. Hier gibt’s das Erlebnis direkt bei der Anreise inklusive. So gesehen waren die Klebekühe vielleicht gar keine Demonstrantinnen. Vielleicht arbeiten sie einfach fürs Tourismusmarketing.



Bild: Screenshot ZIB