Bis in die 1960er-Jahre war das Schnalstal hauptsächlich ein Tal der Bergbauern. Tourismus? Überschaubar. Große Hotels? Fehlanzeige. Doch ein junger Bauer vom Kurzhof in Kurzras hatte andere Vorstellungen. Leo Gurschler wollte auf über 3.000 Metern eine Gletscherbahn errichten und aus dem abgelegenen Tal eine Wintersportdestination machen. Mit gerade einmal Mitte zwanzig. Dass bei solchen Plänen nicht jeder gleich in Begeisterung ausbrach, dürfte wenig überraschen.
Aber Leo war keiner, der sich von ein paar Zweiflern aufhalten ließ. Als 1972 ein Bagger für den Bau der Bergstation auf die 3.212 Meter hohe Grawand gebracht werden musste, fand sich niemand, der die waghalsige Fahrt übernehmen wollte. Also setzte er sich kurzerhand selbst ans Steuer. Zwei Wochen lang kämpfte er sich mit dem Bagger den Berg hinauf. Zwei Wochen. Mit einem Bagger. Auf über 3.200 Meter. Während andere noch über die Machbarkeit diskutierten, schuf Leo bereits die Voraussetzungen für den Bau. Am 12. Juli 1975 wurde die Gletscherbahn eröffnet. Aus einem beschaulichen Bergbauerntal entwickelte sich eine international bekannte Wintersportdestination.
Leo Gurschler blieb auch danach ein Mann mit außergewöhnlichem Tatendrang. Unternehmer, Bergsteiger, Gastwirt und leidenschaftlicher Hubschrauberpilot. Eine Persönlichkeit, die viel bewegte, große Ziele verfolgte und dabei auch schwere Rückschläge erlebte. Finanzielle Schwierigkeiten überschatteten seine letzten Jahre. 1983 nahm sein Leben im Alter von nur 36 Jahren ein tragisches Ende.
Heute wird in Kurzras wieder in die Zukunft investiert. Doch bei all den großen Projekten sollte eines nicht in Vergessenheit geraten: Am Anfang dieser Entwicklung stand ein junger Schnalser, der an das Potenzial seiner Heimat glaubte, als es für viele noch kaum vorstellbar war.
Leo Gurschler hat nicht nur eine Seilbahn auf einen Berg gebracht. Er hat einem ganzen Tal neue Perspektiven eröffnet. Sein Mut, seine Entschlossenheit und sein Pioniergeist verdienen bis heute unseren Respekt.